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Ära der ‘Migitalisierung’ hat begonnen

Von Lisa Monique Söderlindh*

STOCKHOLM (IDN) - Die vergangenen Jahrzehnte waren geprägt durch Megatrends wie Internationalisierung, Globalisierung, Urbanisierung und Digitalisierung. Auch jetzt deutet sich wieder ein solcher Megatrend an: die ‘Migitalisierung’.

"Die Welt sollte den Beginn des Zeitalters der Migration willkommen heißen", hieß es auf dem weltweit ersten UN-Spitzentreffen über internationale Migrationsströme im Jahr 2006. Fast zehn Jahre später und mehr als 60.000 Jahre nachdem nach aktuellem Wissensstand die ersten Völkerwanderungen stattgefunden haben, wird Migration noch immer viel zu punktuell betrachtet.

Doch wir müssen endlich begreifen, dass wir in der Ära der Migration bereits mittendrin stecken. Das ist weder eine neue, noch eine vorübergehende Realität, sondern eine seit Jahrtausenden währende Tatsache, ein permanenter Prozess, der in der vergangenen Zeit an Geschwindigkeit zugenommen hat und auch weit in die Zukunft fortdauern wird.

Die Ära der Migration hat ihre Vorgänger: Ganze Epochen wurden schon früher als "modern", "international", "global", "urban" oder "digital" bezeichnet - und die Adjektive wurden durch das Suffix "-isierung" zu Substantiven erhoben: Die Konzepte Globalisierung, Internationalisierung oder Digitalisierung sind uns geläufig. Warum dann nicht auch aus der Migration die Migitalisierung machen?

Die Urbanisierung bezeichnet eine Wanderbewegung von den ländlichen zu den urbanen Gegenden. Sie zeigt auch auf, wie sich Städte und ganze Gesellschaften über die Zeit verändert haben und wie sich Menschen an neue Gegebenheiten angepasst haben, in denen die Bevölkerungen in den Städten immer stärker anwuchsen. Damit einher geht auch die Vereinheitlichung von Lebensstilen auf der ganzen Welt dank Medien wie dem Fernsehen und später dem Internet, die die Lebensrealitäten von Menschen überall auf der Welt wiedergeben und Nachahmer anregen.

Die Globalisierung ist damit schon fast mitgenannt. Sie bezieht sich auf die immer stärkere globale Verflechtung aller Lebensbereiche und was das für Politik und Wirtschaft bedeutet. Auch die Globalisierung wurde durch den technischen Fortschritt beschleunigt: im Medienbereich genauso wie durch die Erfindung von Flugzeugen.

Auch die Digitalisierung kann nicht zusammenhanglos betrachtet werden. Mit ihr wird der Ausbau der digitalen Technologien - eben auch von Computern und dem Internet - bezeichnet sowie der durch sie hervorgebrachte Wandel zur Wissensgesellschaft.

Ohne Migration keine Globalisierung

Jetzt ist es an der Zeit, auch der Migration eine entsprechende Nachsilbe zu geben und Wanderbewegungen in einen historischen Rahmen einzubetten, gleichzeitig die Gegenwart und die Zukunft mitzudenken. Dadurch wird deutlich: Ohne Migration hätte es die Ära der Globalisierung nicht gegeben. Wären vor tausenden von Jahren nicht ganze Völker von Afrika in neue Welten hinausgezogen, dann wäre nicht die gesamte Erde bevölkert worden. Seitdem haben immer wieder Menschen neues Territorium für sich erschlossen und haben - nachdem sie eingeführt wurden - Grenzen überschritten.

Wären nicht vor etlichen von Jahren erste Transportmöglichkeiten erfunden worden, mit denen sich Menschen von einem zum anderen Ort fortbewegten, dann hätte es auch nicht die technologischen Innovationen der Neuzeit gegeben und keinen beschleunigten Ausbau von Verkehrs- und Kommunikationsmitteln. Jahrtausende des Austauschs von Weltansichten, Produkten und Ideen beweisen ein Kontinuum von Migrationsbewegungen.

Individuen entscheiden sich freiwillig, ihre Heimat zu verlassen, oder werden dazu gezwungen. Menschen wandern wegen Kriegen, Umweltkatastrophen oder der wirtschaftlichen Lage in ihrer Heimat aus. Sie suchen nach neuen Möglichkeiten, Schutz vor Verfolgung, nach einem besseren oder sichereren Leben. Damit verändern sie nicht nur ihre eigene Lebenssituation, sondern mitunter auch die ihrer Mitmenschen - am Ursprungs-,Transit- oder am Zielort. Neue Abhängigkeiten und Verbundenheiten entstehen, und damit müssen auch die Konzepte von Raum und Territorium neu gedacht werden.

Der Beginn einer langen Geschichte

60 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht, mehr als jemals zuvor. Migration hat in letzter Zeit stark zugenommen. Das heißt aber nicht, dass es sich hierbei um eine Kurzgeschichte handelt, und dass die 60 Millionen Menschen zurück in ihre Heimat gegangen oder eine neue Heimat gefunden haben werden, wenn das Thema von den Titelseiten der Zeitungen überall auf der Welt wieder verschwunden sein wird, sobald sich die Medien wieder auf eine neue Katastrophe stürzen. Wir befinden uns lediglich am Anfang einer langen Geschichte, die das gesamte 21. Jahrhundert prägen wird.

Als solche müssen wir sie auch betrachten. Migration ist kein Problem, das gemanagt werden kann. Sie ist fester Bestandteil unseres Menschseins. Migration - auch in großem Stil - ist unvermeidbar und sogar notwendig. Sie ist Motor der menschlichen Entwicklung. Und deshalb: Die Ära der Migitalisierung ist gekommen. Ob wir sie so nennen wollen oder nicht. (Deutsche Übersetzung: Julia Krämer/ /06.11.2015)

*Lisa Monique Soderlindh ist  freie Journalistin und Leiterin eines Projekts der schwedischen Migrationsagentur (Swedish Migration Agency).

Bild: Eine Gruppe fast ausschließlich syrischer Flüchtlinge erreicht im Sonnenuntergang die griechische Insel Lesbos - Quelle: I. Prickett/UNHCR