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'Um Krisen verhindern zu können, müssen wir sie verstehen' – UNISDR-Chefin Margareta Wahlström im Interview

Von Ramesh Jaura

Sendai, Japan (IPS | IDN) – Die Dritte Weltkonferenz zur Verringerung des Katastrophenrisikos (WCDRR) im japanischen Sendai ist nach einer Verlängerung der Gespräche zwischen Vertretern von 187 UN-Mitgliedstaaten zu Ende gegangen. Herausgekommen ist ein neues, als weitreichend gewürdigtes Rahmenwerk, das die Jahre 2015 bis 2030 abdecken soll.

Doch ob das Rahmenwerk für die Verringerung des Katastrophenrisikos eine neue Ära einläuten beziehungsweise der Hoffnung von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon vom Eröffnungstag der Konferenz am 14. März - "die Nachhaltigkeit beginnt in Sendai" – näher kommen wird, bleibt abzuwarten.

Nach Ansicht von Margareta Wahlström, der UN-Sonderbeauftragten für Katastrophenvorsorge und Leiterin des UN-Büros zur Reduzierung von Katastrophenrisiken (UNISDR), "erlaubt das neue Rahmenwerk, dass wir ein neues, wichtiges Kapitel in nachhaltiger Entwicklung aufschlagen können". Klare Handlungsziele und -prioritäten seien festgelegt worden, die zu einer substanziellen Verringerung des Katastrophenrisikos und des Verlusts an Menschenleben, Lebensgrundlagen und der Gesundheit führen könnten.

Allerdings warnte sie zum Abschluss der WCDRR am 18. März, dass es Entschlossenheit und politischer Führungsstärke bedarf, um das neue Rahmenwerk durchzusetzen. Auch hänge es von der Durchschlagkraft weiterer Abkommen zu den Nachhaltigkeitszielen und zum Klima im September und Dezember in New York und Paris ab.

"Ich denke, dass wir nur über ein oberflächliches Katastrophenwissen verfügen. Doch ein solches wird uns nicht helfen, künftige Risiken zu minimieren", betonte sie im Interview mit IPS. "Risiken lassen sich verringern, wenn wir die Risiken – nicht nur ein Risiko, sondern viele Risiken, die zusammenwirken und die Gesellschaft unterminieren – verstehen."

Im neuen Rahmenwerk geht es vor allem um sieben globale Ziele und vier Prioritäten, die in den nächsten 15 Jahren umgesetzt werden sollen: einer substanziellen Verringerung der katastrophenbedingten Todesfälle, der Zahl der Betroffenen und der wirtschaftlichen Verluste sowie der Schäden an Infrastruktur- und Basisdiensten wie Gesundheits- und Bildungseinrichtungen. Außerdem gelte es mehr Ländern zu nationalen und lokalen Katastrophenrisikostrategien bis 2020 zu verhelfen. Ferner soll die Zusammenarbeit im Bereich des Katastrophenschutzes verstärkt, der Zugang zu multifunktionalen Frühwarnsystemen sowie -informationen und -beratung erhöht werden.

Die vier Handlungsprioritäten wiederum zielen auf ein besseres Verständnis der Risiken, der Stärkung der Möglichkeiten, Katastrophenrisiken besser zu handhaben und auf mehr Investitionen. Weiter geht es darum, besser auf Katastrophen vorbereitet zu sein und dem 'Build back better'-Prinzip zu folgen, wonach die wiederaufgebauten Strukturen besser als die alten sein sollten.

Es folgen Auszüge aus einem Interview mit Wahlström.

IPS: Sind Sie der Meinung, dass die Konferenz mit reellen Lösungen zur Verringerung der Katastrophenrisiken aufwartet?

Margareta Wahlström: Die Konferenz und die kollektive Erfahrung halten sämtliche Lösungen parat. Doch sind sie nicht unser eigentliches Problem. Unser Problem besteht darin, überzeugend für die Anwendung des Wissens zu werben, über das wir bereits verfügen. Wir alle sind gefragt: Der Einzelne, die Gesellschaft, die Unternehmen usw. Wir dürfen eine recht komplexe Agenda nicht allzu sehr vereinfachen.

Wenn wir die Risiken wirklich nachhaltig vermindern wollen, müssen wir uns viele unterschiedliche Bereiche anschauen, und zwar nicht als Einzel-, sondern als multifunktionale Phänomene, die ineinander greifen sollten. Ich habe mich selbst davon überzeugen, selbst hören können, dass es in den letzten zehn Jahren viele Fortschritte gegeben hat.

Wichtig ist, dass wir den Übergang vom Katastrophen- zum Risikoverständnis vollziehen. Ich denke, dass wir nur über ein oberflächliches Katastrophenwissen verfügen. Doch ein solches wird uns nicht helfen, künftige Risiken zu minieren. Risiken lassen sich verringern, wenn wir die Risiken – nicht nur ein Risiko, sondern viele Risiken, die zusammenwirken und die Gesellschaft unterminieren – verstehen.

IPS: Eine wichtige Frage ist die der Resilienz. Die Armen und Verletzlichen haben sich schon immer resilient gezeigt. Doch damit wir ihre Resilienz stärken können, bedarf es Gelder zur Finanzierung von Entwicklung und Technologie. In wie weit ist hier mit Erfolgen zu rechnen?

Wahlström: Auf jeden Fall lehrt die Geschichte, dass die soziale und die wirtschaftliche Entwicklung die wichtigsten Eckpfeiler der Resilienz sind. Die Menschen müssen gesund sein, gebildet, Wahlmöglichkeiten und Jobs haben. Sobald dies erreicht sein wird, tun sich neue Risiken auf, wie wir ja wissen: Lifestyle-Risiken.

Meiner Meinung nach ist die Technologie vorhanden. Die Frage der Technologie stellt sich vor allem im Zusammenhang mit ihrer Verfügbarkeit – das kann im Zusammenhang mit finanziellen Mitteln aber auch mit den Fähigkeiten, diese Technologie nutzen, stehen, was für viele Länder und Menschen eine wirkliche Herausforderung darstellt. Die technologische Entwicklung ist schneller als die Fähigkeit der Menschen, sie zu nutzen.

Die finanziellen Ressourcen aufzutreiben, ist definitiv schwierig, doch sind in vielen Fällen die Kapazitäten das größere Problem.

Ich glaube schon, dass wir eine Zunahme der Investitionen erleben werden. Investitionen in einzelne Personen, in die soziale Seite der Resilienz, und der Fokus auf die ärmsten Menschen, erfordert auf jeden Fall eine klare politische Richtung, die wir hoffentlich durch das Abkommen zur universellen Post-2015-Entwicklungsagenda in diesem Jahr einschlagen werden. Geht alles gut, wird der Fokus darauf liegen, was getan werden muss, um die Armut zu bekämpfen.

IPS: Hat die öffentliche Entwicklungshilfe (ODA) heutzutage überhaupt noch eine Bedeutung?

Wahlström: Was ihren Umfang angeht, sicher nicht, wenn wir sie mit den ausländischen Direktinvestitionen oder dem Wachstum des Privatsektors vergleichen. Doch ist sie als ein Ausdruck der Solidarität von einem hohen symbolischen und politischen Wert.

Auch müssen wir der Fairness halber sagen, dass es noch viele Staaten gibt, die stark ODA-abhängig sind, deren Bruttoinlandsprodukt zu 30 bis 40 Prozent von der ODA abhängt, was natürlich nicht besonders gesund ist. Erforderlich ist eine wirtschaftliche Entwicklung, diejenige Art der Investitionen, die das eigene Wirtschaftswachstum stimulieren.

Das ist meiner Meinung auch der Grund, warum in dieser und in der Debatte um die SDGs so viel Wert auf die nationale Ressourcenbasis inklusive der internationalen Zusammenarbeit als Stützpfeiler gelegt wird.

(IPS Deutscher Dienst | Karina Böckmann | 20.03.2015)