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LIBANON: Politische Entscheidungen erschweren Schulbildung in den Flüchtlingslagern

Von Shelly Kittleson

Beirut (IPS) – Im Shatila-Flüchtlingslager im Süden der libanesischen Hauptstadt Beirut gibt es für die vielen Kinder keine Bibliothek. Und auch im Sabra- und im Ain El-Hilweh-Lager im Süden des Landes fehlt es an einer solchen Einrichtung. Die Chancen der dort lebenden syrischen Mädchen und Jungen, lesen und schreiben zu lernen, könnten noch weiter geschmälert werden, sollte der Libanon auf eine Flüchtlingspolitik der Abschreckung setzen.

Anfang Juli hatte der libanesische Außenminister Geran Bassil gefordert, die syrischen Flüchtlinge nicht zu unterstützen, da "diese Hilfe – ob nun Nahrungsmittel, Obdach oder Gesundheitsfürsorge – syrische Flüchtlinge dazu ermutigt, im Libanon zu bleiben. Wir hingegen arbeiten auf ihre zügige Ausreise hin." Schon während seiner Amtszeit als Energieminister hatte Bassil erklärt, dass Syrer eine "Bedrohung für die Sicherheit, Wirtschaft und Identität des Landes" darstellten.

Den Vereinten Nationen zufolge könnten die syrischen Flüchtlinge bis Ende des Jahres mehr als ein Drittel der libanesischen Bevölkerung ausmachen und mindestens 300.000 Flüchtlingskinder keine Schulbildung erhalten. Zunächst waren die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge in den Lagern der libanesischen Hauptstadt freundlich aufgenommen worden.

Die libanesischen Streitkräfte bleiben den zwölf offiziell registrierten Palästinenserlagern fern, obwohl die Regierung in Beirut aus dem Abkommen von 1969 ausgeschert ist, das der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO die Kontrolle über diese Camps übertragen hatte. Etliche Syrer erklärten gegenüber IPS, sich hier wohler zu fühlen als in den von der Hisbollah kontrollierten Gebieten. Die Hisbollah kämpft auf der Seite des syrischen Regimes und ihr politischer Flügel ist Teil der Regierung.

Mehr Syrer in den Camps als Palästinenser

Im Shatila-Flüchtlingscamp, das 1949 für staatenlose Palästinenser errichtet worden war, leben zwischen 10.000 und 20.000 Syrer, darunter viele Kinder im schulfähigen Alter, die an psychologischen Störungen, an den Folgen von Unterernährung und den begrenzten Bildungsmöglichkeiten leiden.

Abgesehen von den begrenzten Aufnahmekapazitäten begünstigen auch sprachliche Hindernisse die Ausgrenzung syrischer Kinder aus dem libanesischen Bildungssystem, wie Fadi Hallisso, Mitbegründer und Geschäftsführer der syrischen Nichtregierungsorganisation (NGO) 'Basmeh & Zeitooneh' berichtet. Findet der Unterricht an den öffentlichen libanesischen Schulen entweder in Französisch oder in Englisch statt, ist in Syrien Arabisch die gängige Unterrichtssprache.

Weitere Faktoren, die Heranwachsenden die Teilnahme am libanesischen Bildungssystem versperren, sind die große Armut und/oder der Verlust der Eltern, was die betroffenen Mädchen und Jungen zwingt, zu arbeiten oder zu betteln. Viele können die anfallenden Transportkosten nicht aufbringen. Hinzu kommen kriegsbedingte Traumata sowie eine durch Mangelernährung verursachte Fehlentwicklung.

Aus einer diesjährigen Untersuchung des Weltkinderhilfswerks UNICEF geht hervor, dass sich die schwere Unterernährung in einigen Teilen des Landes von 2012 bis 2013 verdoppelt hat. Fast 2.000 Kinder unter fünf Jahren schwebten in Lebensgefahr, während Mädchen und Jungen mit weniger stark ausgeprägten Formen der Unterernährung Gefahr liefen, in ihrer mentalen oder körperlichen Entwicklung zurückzubleiben.

Basmeh & Zeitooneh unterrichtet im Shatila-Lager auf der Grundlage des libanesischen Curriculums etwa 300 Schüler. Die syrischen und palästinensischen Lehrer verdienen zwischen 400 und 700 US-Dollar monatlich. "Für so wenig Geld würde sich kein Libanese bereit erklären, zu unterrichten", meint Hallisso.

Die Unterrichtsräume wurden kürzlich renoviert. Sie befinden sich in dem Gebäude, in dem auch die Ärzte ohne Grenzen (MSF) eine Klinik unterhalten. Basmeh & Zeitooneh bemüht sich derzeit um die Finanzierung einer kleinen Bibliothek, in der die Kinder Zugang zu weiterführenden Unterrichtsmaterialien, Nachschlagewerken und Computern haben sollen. Hier sollen sie dank eines Stromgenerators auch nach Einbruch der Dunkelheit arbeiten können.

Maria Minkara, die mit Hallisso zusammenarbeitet, berichtet, dass die Bibliothek sowohl palästinensischen als auch syrischen Kindern offen stehen soll. Auf dem gesamten Areal fehle es an einer solchen Einrichtung. Viele Kinder lebten in einem düsteren und ungesunden Umfeld ohne Strom und ohne einen Ort, an dem sie in Ruhe lernen könnten.

Zur Prüfung nach Damaskus

Das 'Joint Christian Committee for Social Service' im Libanon ist eine weitere Flüchtlingsorganisation, der es unlängst gelungen ist, für 120 syrische Schulkinder im Ain El-Hilweh-Lager in der Nähe von Sidon eine Sondergenehmigung zu erwirken, damit sie in Damaskus ihren Abschluss nach der neunten Klasse und ihre mittlere Reife machen konnten, wie die Geschäftsführerin der NGO, Sylvia Haddad, berichtet. Mehr als 83 Prozent der Prüflinge seien durchgekommen.

Haddad räumte jedoch ein, dass die Eltern vieler Schüler die Reise nach Syrien aus Angst vor dem Regime verboten hätten, ihre Entscheidung jedoch inzwischen bedauerten. Sie betonte, dass im Unterricht politische und religiöse Fragen ausgespart werden. Bei Fragen zum Curriculum habe man sich an den Palästinenser Abu Hassan gewandt.

Abu Hassan hatte in der Vergangenheit auf Seiten der palästinensischen 'Widerstandskämpfer' agiert. Angaben zu seiner Fraktion wollte er jedoch nicht machen. Auch er versicherte, dass sowohl im Unterricht als auch in den Schulbüchern jede Rhetorik zugunsten des syrischen Regimes ausgespart bleibe.

Abu Hassan durfte die Schüler bis nach Damaskus und zurück begleiten. Doch inzwischen erschweren libanesische Gesetzesänderungen palästinensischen Flüchtlingen aus Syrien die Einreise in den Libanon. In einem im letzten Monat veröffentlichten Bericht kritisierte 'Amnesty International' den Umstand, dass eine Einreise nur mit einer 'Vorab-' oder Aufenthaltsgenehmigung möglich ist.

Für syrische Flüchtlinge gilt seit Anfang Juni, dass sie nur in den Libanon einreisen können, wenn sie aus den syrischen Grenzregionen kommen, in denen gekämpft wird. Syrer, die in ihr Heimatland zurückkehren, verwirken ihr Recht, erneut in den Libanon zu kommen. (IPS Deutscher Dienst | Karina Böckmann | 18.08.2014)

Bild:
http://cdn.ipsnews.net/Library/2014/08/Syrian-refugee-schoolchildren-being-taught-at-a-class-in-the-Shatila-Palestinian-refugee-camp-629x409.jpg?d80539
Schulunterricht für syrische Flüchtlingskinder im Shatila-Palästinenserlager – Bild: Shelly Kittleson/IPS

Original:
http://www.ipsnews.net/2014/08/politics-complicates-education-in-lebanons-refugee-camps/